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  • AutorenbildMarcel Rößner

Regenerative Strategien: Grundsätze, Kriterien und die konsequente Umsetzung von Nachhaltigkeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Tolle Zahlen und farbenfrohe Bilder: So sehen die Nachhaltigkeitsberichte vieler Unternehmen aus. Doch zahlen die inhaltlichen Bestandteile dieser Berichte auf die Einhaltung der planetaren Grenzen ein? Wird damit das 1,5 Grad Ziel nachhaltig erreicht? Es braucht einen Weg aus der Nachhaltigkeitsberichterstattungs- und Dokumentationsfalle zu entkommen und Maßnahmen anzugehen. Regenerative Strategien könnten hierfür eine Lösung sein.


Um aus einer degenerativen Welt zu einer regenerativen Welt zu gelangen, muss der Grad der nachhaltigen Initiativen eines Unternehmens messbar werden. Nicht nur nachträglich, in Form von KPIs und Reportings rund um das Thema eines Nachhaltigkeitsberichts. Immer entscheidender wird die Umsetzung von Maßnahmen im Zuge von regenerativen Strategien, welche die Weichen für die Zukunft stellen. Als Basis dafür ist es hilfreich, wie in der Produkt- und Geschäftsmodellentwicklung, eine Reihe von Grundsätzen und Kriterien zu nutzen, die eine Transformation von konventionellen Unternehmen ermöglichen, um diese anschließend strategisch anzugehen.


Unternehmerische Nachhaltigkeit im Sinne eines regenerativen Ansatzes kann mit zwei Grundsätzen erläutert werden. Diese beziehen sich zum einen auf das systembezogene Anspruchsniveau und zum anderen auf einen adaptiven Managementansatz. Beide Grundsätze ordnen ihre Geschäftsaktivitäten dem sozio-ökologischen System unter und gliedern sich jeweils in drei weitere Kriterien auf. [1] Abbildung 1 fasst die Grundsätze des regenerativen Wirtschaftens und die entsprechenden Kriterien zusammen.


Grundsätze und Kriterien für regeneratives Wirtschaften zur Entwicklung von Strategien
Abbildung 1 Grundsätze und Kriterien für regeneratives Wirtschaften (eigene Darstellung)

Systembasiertes Anspruchsniveau

Der erste Grundsatz zur regenerativen Ausrichtung basiert darauf, die Ziele der Unternehmenstätigkeit aus der Perspektive des sozio-ökologischen Systems abzuleiten, in die das Unternehmen eingebettet ist. Dieses Prinzip macht deutlich, dass ein Unternehmen nicht aus sich selbst heraus regenerativ sein kann, sondern erst durch die Ableitung des übergeordneten sozio-ökologischen Systems entsteht. Dieses Prinzip kann in drei Kriterien aufgeteilt werden.


1. Impact auf das Ökosystem:

Einigen ist dieses Element sicher schon bekannt, dennoch ein zentrales Prinzip, welches im Zusammenspiel der weiteren Prinzipien seine Wirkung entfaltet. Regenerative Unternehmen stellen sicher, dass die Auswirkungen ihrer Handlungen immer im Bezug zum übergeordneten sozio-ökologischen System stehen und so bewusst wie möglich gestaltet sind. Im Fokus steht hier zu jeder Zeit die Gesundheit dieses übergeordneten Systems im Sinne des Überlebens, der Regeneration und Resilienz.


2. Beziehung zum Ökosystem:

Das zweite Kriterium betrifft die Auswirkungen der Geschäftstätigkeit auf den Zustand des sozialen Status des Ökosystems. Die Beziehung zwischen Menschen und Umwelt kann sehr unterschiedlich sein: Sie reicht von einer rein geschäftlichen Sichtweise, bei der die Natur nur als Ressource genutzt wird, über eine mittlere Position, in der Menschen und Umwelt nebeneinander existieren, bis hin zu einem Ansatz, bei dem menschliche Aktivitäten und die Natur miteinander verbunden sind. Die letzte Sichtweise, die als "regenerative Nachhaltigkeit" bezeichnet wird, sieht die menschliche Aktivität als Teil der Natur an, die sich gemeinsam mit ihr weiterentwickelt. Sie steht für eine enge und positive Verbindung zwischen Menschen, Wirtschaft und Natur.


3. Zugrunde liegende Geschäftslogik:

Alle Interaktionen eines Unternehmens unterliegen der Endgültigkeit der Geschäftstätigkeit. Es geht dabei für Mensch und Natur darum, eine vorteilhafte Beziehung im Sinne einer Co-Evolution herzustellen. Das bedeutet, die Geschäftslogik auf die Umwelt auszurichten. [2] Das „Wozu“ leitet sich bei einem regenerativen Geschäft von einer externen Referenz, einem echten Problem in der Welt ab. Die Geschäftslogik ist kein Selbstzweck mehr, wie z.B. das Anreichern von Reichtümern für einige Wenige. Diese Ausrichtung kann schon im Geschäftszweck bei der Gründung einer juristischen Gesellschaft niedergeschrieben, oder nachträglich angepasst werden.

Hier wird deutlich: Alle drei abgeleiteten Kriterien haben gemeinsam, dass sie ihr zugrundeliegendes rational für regeneratives Unternehmertum aus dem sozio-ökologischen System ableiten. [3]


Adaptiver Managementansatz

Der zweite Grundsatz eines regenerativen Unternehmens bezieht sich auf den Managementansatz. Dieser setzt Anpassungsfähigkeit voraus, um der Komplexität eines sozio-ökologischen Systems gerecht zu werden. Auch dieser Grundsatz kann in drei weitere Kriterien aufgeteilt werden:


A. Gespür für den Ort:

Auf Grund der Ausrichtung auf das sozio-ökologische System braucht es ein Kriterium für die Ortsbezogenheit. Regenerative Strategien können nicht auf Einheitslösungen beruhen, sondern müssen auf spezifische Merkmale des tatsächlich umgebenen Ortes einer Organisation ausgerichtet sein. Ein unverbundener Ortssinn endet in Uniformität und Standardisierung, die oft an der Natur vorbei agiert. Regeneration ermöglicht Einzigartigkeit und Verschachtelung des Ortes innerhalb des sozio-ökologischen Systems mit der Ökonomie.


B. Zeitliche Orientierung:

Die zeitliche Orientierung spielt eine wichtige Rolle, um die Herausforderungen der Nachhaltigkeit auch langfristig richtig anzugehen. Statt Nachhaltigkeit wie bisher rückwärtsgerichtet zu denken, blickt ein regenerativ ausgerichtetes Unternehmen auf zyklische Weise in die Zukunft. So betont der adaptive Ansatz die Synchronität menschlicher Aktivitäten mit dem sozio-ökologischen System. Daher müssen Geschäftsaktivitäten die Saisonalität und Zeitzyklen des darüberliegenden sozio-ökologischen Systems erkennen, respektieren und ihre Handlungen darauf abstimmen.


C. Geschäftsstrategie und strategische Praktiken:

Regenerative Strategien können in Teilen des Unternehmens eingesetzt werden, um das „Business as Usual“ zu stabilisieren, oder das bestehende Geschäftsmodell des Unternehmens vollständig zu durchdringen, indem sie Kernpraktiken und -produkte strategisch integrieren. Regenerative Praktiken sind im idealen Fall iterativ und prozesshaft, indem fortlaufend experimentiert, reflektiert und auf Basis des sozio-ökologischen Systems Feedback eingeholt wird. Sie sind kollektiv und partizipatorisch, da sie alle Akteure einbeziehen. Der Schwerpunkt verlagert sich daher von einem starren, vorgeschriebenen und festgelegten Vorgehen zu einem Prozess des gemeinsamen Lernens und Entwickelns, mit der Beteiligung der wichtigsten Interessensgruppen, um die Wirksamkeit stetig zu verbessern. [4]


Wie können diese regenerativen Prinzipien operationalisiert werden?


Um die Idee der Regeneration aus der programmatischen und normativen Diskussion auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen und eine Möglichkeit der Umsetzung zu finden, gibt es eine Reihe regenerativer Strategien, welche gegenüber einem ursprünglichen Nachhaltigkeitskonzept Weiterentwicklung bieten. Diese sind in der Abfolge zuerst den ursprünglichen Zustand


- wiederherstellen, dann die wiederhergestellte Situation mit geeigneten Maßnahmen

- erhalten und als letztes das Ökosystem

- aufwerten.[5]


Diese sind aufeinander aufbauend und können in ihrer Entwicklung nicht übersprungen werden (siehe Abbildung 2).

Praktische Anwendung regenerativer Business Strategien für Unternehmen
Abbildung 2 Praktische Anwendung regenerativer Business Strategien für Unternehmen (eigene Darstellung)

I. Strategie Wiederherstellen:

Die Strategie des Wiederherstellens definiert die Rückkehr zu einem früheren oder ursprünglichen Zustand. Sie beansprucht ein niedriges Niveau hinsichtlich der Regeneration, denn der Grundgedanke dieser Strategie liegt weiterhin darin, den Ertrag eines wirtschaftlichen Ökosystems zu maximieren. Wiederherstellung hat aber ein regeneratives Element, indem es den Wert der Wiederherstellung nach einem Eingriff in das System anerkennt. Dies bewirkt jedoch keine grundlegende Änderung der Geschäftsmodelle, sondern erwirkt eine Stabilisierung etablierter Geschäftsmodelle. Gleichzeitig ist es regenerativer als eine konventionelle Ausbeutungsstrategie, da diese über gesetzliche Mindestanforderungen hinaus Rücksicht auf ein Ökosystem nehmen. Ausbeutungsstrategien beruhen auf dem Grundgedanken wirtschaftliche Aktivitäten gegenüber der Natur zu dominieren und betrachtet die Leistung sozio-ökologischer Systeme als kostenlose Geschenke. Schäden an diesen Systemen werden als externe Effekte betrachtet und sind demnach zu vernachlässigen und scheinbar nicht “unser Problem”. [6]


II. Strategie Erhalten (Bewahrung):

Erhaltungsstrategien erkennen an, dass ökologische Grenzen die Wirtschaftlichkeit einschränken und passen ihre Geschäftsabläuft entsprechend an. Der Status quo soll in einem Gebiet aufrechterhalten werden, um das Aussterben von Arten oder den Rückgang der biologischen Vielfalt zu verhindern. Dieses Vorhaben kann durch den Schutz von Naturreservaten und durch die Abschirmung bestimmter Ökosysteme vor den Auswirkungen wirtschaftlicher Aktivitäten erreicht werden. Die Idee des Erhaltens ist stärker in den Begriff der Regeneration eingebettet, da sie das Ziel verfolgt, die Funktionsweise eines Ökosystems von Anfang an zu schützen. Erst wenn sich der Gedanke der Erhaltung in das Geschäftsmodell manifestiert, ist ein Unternehmen im Gleichgewicht mit seinem Ökosystem.[7]


III. Strategie Aufwertung (Steigerung):

Als integralen Bestandteil zielt Regeneration kontinuierlich darauf ab, die Lebensbedingungen in einem Ökosystem zu verbessern. Die Idee des Aufwertens umfasst einen systemischen Ansatz und will einen positiven Nettoeffekt auf das umliegende Ökosystem erzielen. Diese Strategie stellt die Frage, wie ein Unternehmen als Katalysator für positive Veränderung innerhalb seines angesiedelten Ortes und Wertbeitrags wirken kann. Diese Funktion zielt vor allem auf die Verbesserung der Anpassungsfähigkeit und der lebensverbessernden Kapazität des umliegenden Ökosystems ab.[8] Die nächste Generation des Nachhaltigkeitsparadigmas sollte daher auf der Idee der Ökoeffektivität statt nur auf der Effizienz basieren. Um die ideale Ökoeffektivität zu erreichen, kann der Ansatz der positiven Entwicklung genutzt werden. Der Grundgedanke positiver Entwicklung ist Design „für“ die Natur und nicht nur „wie“ oder „mit“ der Natur zu entwickeln. Es geht von „weniger schlecht tun“ hin zu „mehr gut tun“, wodurch ein größerer ökologischer und sozialer Nutzen erzielt wird. „Positiv“ in diesem Sinne von „positivem Design“ bezieht sich auf „mehr Natur, mehr Möglichkeiten und mehr Optionen“.[9]


Wie werden regenerative Strategien umgesetzt?


In einem Unternehmen bedeutet Regeneration im Sinn einer „netto positiven“ Strategie, mehr Kohlenstoffdioxid zu eliminieren als zu produzieren, oder nur erneuerbare Energien und Materialien aus erneuerbaren Quellen zu nutzen. Es bedeutet gleichzeitig, keinen Abfall zu erzeugen und alles so zu bauen, dass es vollständig in den Kreislauf zurückgeführt werden kann. Auch das gesamte Wasser, das ein Unternehmen beim Wirtschaften entnimmt, wird wieder zurückgespeist. Eine weitere Facette der Regeneration ist Menschenorientierung. Daher sorgt ein solches Unternehmen dafür, dass jedes Glied in der Wertschöpfungskette die Würde eines existenzsichernden Lohns hat. Unternehmen bieten Möglichkeiten zur Integration aller Fähigkeiten und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern im Management. Eine weitere mögliche Dimension sieht Nichtregierungsorganisationen und Interessenvertreter als gleichberechtigte Partner an und werden mit in die Entscheidungen des Unternehmens einbezogen. Gegenüber Regierungen sind sie anspruchsvolle Partner und verhalten sich nicht als selbstbezogene Lobbyisten. Viele weitere Ausprägungen sind möglich. Grundsätzlich gilt: Durch diese Ausrichtung auf eine positive Bilanz können neue Sektoren wachsen die nicht nur den direkten Stakeholdern, sondern der ganzen Welt dienen. [10]


Was gilt es bei der Umsetzung von regenerativen Strategien zu beachten?


Bei der Umsetzung von regenerativen Strategien können alle Dimensionen der planetaren und gesellschaftlichen Grenzen im Sinne der vorgestellten Kriterien und Strategien geprüft und weiterentwickelt werden. Konkret kann es Sinn machen, unzureichende Stakeholder Beziehungen zunächst einmal wiederherzustellen, später zu erhalten und schließlich aufzuwerten. In unseren Augen dient die Strategie der Wiederherstellung als Blaupause für den Start, um in eine regenerative Zukunft zu ermöglichen.


Bei genauerem Hinsehen gibt es eine Überschneidung zwischen der Nachhaltigkeitsstrategie der Kompensation und der regenerativen Strategie der Wiederherstellung. Kompensation zielt darauf ab, eine negative Auswirkung durch eine unabhängige Maßnahme auszugleichen, während Wiederherstellung darauf abzielt, einen geschädigten Zustand im direkten Umfeld wiederherzustellen. Dieser geschädigte Zustand steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Geschäftstätigkeit des Unternehmens. Kompensation ist in der Regel eine Maßnahme, die zusätzlich zu anderen Umweltschutzmaßnahmen ergriffen wird. Viele nutzen auch den Begriff „Ablasshandel“ als Synonym, indem Zertifikate von z.B. Baumpflanzplantagen erworben werden, um das emittierte CO2 durch das stetige Wachstum von Bäumen oder anderen Senken zu kompensieren. Die eigene systemische Veränderung und Anpassung des Unternehmens an alle sozialen und planetaren Grenzen bleiben dabei auf der Strecke. Dagegen fordert die Idee der Wiederherstellung eine Organisation dazu auf, sich mit sich selbst und der direkten Umwelt zu beschäftigen und passende Lösungen zu etablieren. Daher ist eine Wiederherstellungsstrategie eindeutig unser Favorit.


Wendet dein Unternehmen eine der beschriebenen Strategien schon an? Gibt es weitere Strategien, die ein Unternehmen regenerativer werden lassen?


[1] vgl. Hahn/Tampe (2020), S. 460 [2] vgl. Hahn/Tampe (2020), S. 460f. [3] vgl. Hahn/Tampe (2020), S. 460f. [4] vgl. Hahn/Tampe (2020), S. 462f. [5] vgl. Hahn/Tampe (2020), S. 460f. [6] vgl. Hahn/Tampe (2020), S. 464f. [7] vgl. Hahn/Tampe (2020), S. 466 [8] vgl. Hahn/Tampe (2020), S. 467f. [9] vgl. Zhang/Wu (2015), S. 39f., (2015) [10] vgl. Polman/Winston (2021)


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