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  • AutorenbildMarcel Rößner

Die regenerative Organisation als Nordstern: Stellschrauben für neue Handlungsspielräume

Hast du dir schon einmal überlegt welchen Teil der Zeit deine Organisation operativ mit dem Verkauf von Produkten oder der Durchführung von Dienstleistungen beschäftigt ist, damit laufend Geld auf das Konto kommt? Wie viel Zeit bleibt da um als Unternehmer AM Unternehmen zu arbeiten und eine nachhaltige Unternehmensentwicklung zu betreiben?

Regenerative Organisation

Besonders wenn das Geschäft läuft wächst die Gefahr, dass die Arbeit AM Unternehmen und damit die nachhaltige Unternehmensentwicklung vollkommen auf der Strecke bleibt. Die Erkennung von Trends und potenzielle Risiken für die nachhaltige Ausrichtung eines Unternehmens werden verschlafen und der Abstand zur Konkurrenz wird zunehmend größer. Es gibt viele effektive Wege, um mit der Entwicklung von Nachhaltigkeit im eigenen Unternehmen zu beginnen. Die meisten Unternehmen sind jedoch immer noch durch das ursprüngliche Unternehmensdesign eingeschränkt und daher in erster Linie auf die Maximierung von Gewinnen und Dividenden aus. Sie betreiben damit “Business as usual” (siehe Abbildung 1).


Spielraum der nachhaltigen Entwicklung beim Vorgehen "Business as usual“
Abbildung 1 Spielraum der nachhaltigen Entwicklung beim Vorgehen "Business as usual“ (übersetzte Darstellung)[1]

Viel zu oft wenden konventionelle Unternehmen nachhaltige Praktiken nur an, um ihre Margen und Dividenden zu maximieren. Das ändert sich nur teilweise durch Regularien wie der CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) oder dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz. Durch diese Rahmenwerke wird die Fähigkeit der Weiterentwicklung vieler Unternehmen stark gefordert, aber nicht grundlegend neu gedacht. Die Problematik liegt in der unveränderten Geschäftslogik eines Unternehmens, die in konventionellen Unternehmen Nachhaltigkeit nicht als inhärenten Bestanteil eines Geschäftsmodells versteht. Nachhaltige Maßnahmen bleiben ein Add-on.


Was braucht es, um die Geschäftslogik weiterzuentwickeln und damit Nachhaltigkeit als integralen Bestandteil zu etablieren?

Diese Antwort schreibt sich schneller, als sie später entwickelt werden kann. Um Nachhaltigkeit als integralen Bestandteil zu verstehen, braucht es ein Business-Redesign, welches den regenerativen Handlungsspielraum eines Unternehmens ermöglicht und in die finanziellen Ziele eines Unternehmens einzahlt. Eine solche Neugestaltung ist unerlässlich, wenn konventionelle Unternehmen Teil einer regenerativen Zukunft sein wollen (siehe Abbildung 2). Einen Einstieg in die Idee der regenerativen Unternehmen, findest du hier.

Neugestaltung eines Unternehmens zur Erschließung regenerativer Möglichkeiten[
Abbildung 2 Neugestaltung eines Unternehmens zur Erschließung regenerativer Möglichkeiten [2]

Die Entwicklung eines Unternehmens hin zur Regeneration erfolgt direkt an den Grundfesten eines Unternehmenssystems, welche durch die interne Gestaltung der Führungskräfte und Mitarbeitende entwickelt werden können. Wie schon erwähnt sind externe Regulierung durch z.B. Gesetze nicht die treibende Kraft.[3] Das heißt weiterhin, dass z.B. die CSRD ein erster guter externer Motivator sein kann. Für eine regenerative Transformation sind diese Reize jedoch nicht ausreichend.


Was bedeutet nun eine systemische Veränderung der Rahmenbedingungen eines Unternehmens?

Für den Paradigmenwechsel benötigt es harte Systemveränderungen, die nicht allein durch oberflächliche Organisationsentwicklung erwirkt werden können. Hierzu ein kurzer Ausblick auf die Flughöhen “in” und “an” einem Unternehmen zu arbeiten (siehe 1).


Unterscheidung der Arbeitsebenen in einem Unternehmen zur Entwicklung von regenerativen Praktiken (eigene Darstellung)
Abbildung 3 Unterscheidung der Arbeitsebenen in einem Unternehmen zur Entwicklung von regenerativen Praktiken (eigene Darstellung)

Herkömmliche Organisationsentwicklungen beschäftigen sich weiter mit der Effizienz- und Effektivitätssteigerung innerhalb eines bestimmten Unternehmenssystems. Die Unternehmensschale, in der sich eine Organisation befindet, wird selten diskutiert, ist aber ausschlaggebend bei einer regenerativen Transformation. Die regenerative Organisation und ihre Entwicklung vereinnahmt alle drei Ebenen.

  1. IM System eines Unternehmens sollte der Zweck auf einen Gemeinwohlbeitrag ausgerichtet werden, damit durch die Wertschöpfung ein Wertbeitrag entsteht, der in allen Dimensionen Gutes erzeugt und keine negativen Rückstände hinterlässt. Diese Bewegung spiegelt sich vor allem in der "Circular Economy" oder auch "Cradle to Cradle" Bewegung wider und ist oft auf die Entwicklung von Produkten und Services bezogen.

  2. AM Organisationssystem sollte gearbeitet werden, um systemische Hebel und Mechanismen zu entwickeln, die tief in die kulturellen Rahmenbedingungen wirken und somit Verantwortungs- und Entscheidungsfindungsprozesse an das Kollektiv einer Organisation und ihrer Stakeholder übergeben, um somit Transparenz und Sinn zu wahren. Führung neu zu denken ist dabei sicherlich auch eine wichtige Dimension, aber wahrscheinlich in den bisher vorliegenden Konzepten das am weitesten entwickelte Spektrum.

  3. AM Unternehmenssystem sollte an der tiefen Struktur einer Organisation gearbeitet werden, um wichtige Rahmenbedingungen für den Zweck eines Unternehmens festzulegen. Diese sind im Prinzip nur mit Eigentümern und Entscheidern greifbar. Denn hier passiert es inzwischen häufiger, dass Anpassungen an der rechtlichen Entität vorgenommen werden.


Welche systemischen Elemente sind für eine regenerative Organisation entscheidend?

Nach Marjorie Kelly kann das Design eines Unternehmens auf fünf zentrale Gestaltungselemente zurückgeführt werden: Purpose, Eigentum, Governance, Finanzen und Netzwerke. Jedes dieser Elemente kann im Spannungsfeld der degenerativen oder regenerativen Form genutzt werden.[4]

Bei all den im weiteren Verlauf beschriebenen Systembedingungen zur Entwicklung eines regenerativen Unternehmens ist im Hinterkopf zu behalten, dass neben dem obligatorischen wirtschaftlichen Erfolg, eine Balance zwischen dem gesellschaftlichen und ökologischen Innen und Außen eines Unternehmens hergestellt werden soll. Die Elemente werden als integrale Bestandteile verstanden. Dabei ist die aktuelle Hypothese, dass ein Unternehmen vor allem durch die integrale Betrachtung aller drei Dimensionen erfolgreich wird.


In den folgenden fünf Abschnitten werden die fünf Gestaltungselemente näher erläutert.


Purpose für regenerative Unternehmen

Degeneratives Design von Purpose hat eine finanzielle Ausrichtung: Gewinnmaximierung. Regeneratives Design verfolgt einen lebendigen Zweck: die Schaffung von Gemeinwohl.[5] Regenerative Unternehmen richten Ihren Lebenszweck auf den Beitrag zum Gemeinwohl aus. Sie sehen Geld nur als Mittel zur Erreichung eines höheren Zwecks. Hierfür wird im Gesellschaftsvertrag eines Unternehmens neben dem eigentlichen Inhalt der Geschäftstätigkeit der Unternehmenstätigkeit die Einhaltung der Menschenrechte, auch der positive gesellschaftliche und ökologischen Wandel verpflichtend festgehalten.[6]


Eigentum für regenerative Unternehmen

Wenn das börsennotierte Unternehmen eine Monokultur des Unternehmensdesigns repräsentiert, so beinhaltet regeneratives Design eine Vielfalt möglicher Modelle. Denn während börsennotierte Unternehmen oft über abwesende Teilnehmer verfügen, so ist regeneratives Eigentum in den Händen derjenigen Menschen verwurzelt, die damit alltäglich verbunden sind. Wie Systemdenkerin Donella Meadows feststellte, ist die Systemstruktur die grundlegende Quelle des Systemverhaltens. Daher ist die konventionelle Gestaltung der Eigentumsverhältnisse eine zentrale Kraft, um die Wachstumsmaschine im Unternehmen beizubehalten. Unternehmen mit regenerativer Eigentümerschaft sind grundlegend anders gestaltet und ermöglichen dadurch andere Verhaltensweisen. Beispielsweise haben Führungskräfte dort weniger Möglichkeiten und Anreize, ihr eigenes Einkommen zu maximieren. Der individuelle Erfolg wird hier am Gesamterfolg einer Unternehmung ausgerichtet. Als Dienst an der Gemeinschaft und als langfristige Sicherung der finanziellen Gesundheit einer regenerativen Organisation. Auch wenn die Gestaltung der Eigentumsverhältnisse ein zentrales Element für das Funktionieren unserer Wirtschaft ist, so ist sie doch weitestgehend unsichtbar. Dabei ist es nicht wichtig, welches Modell gewählt wird, solange es ermöglicht Gemeinwohl zu erzeugen. Wie in Tabelle 1 zu sehen kann von einer Familie regenerativer Designs ausgegangen werden. Innerhalb dieser Familie kann zwischen vier Gruppen unterschieden werden.[7]

Gemeineigentum

Stakeholder-Eigentum

Vermögenswerte wie das Meer, ein Wald, Land, ein Park oder ein kommunales Kraftwerk werden unteilbar von einer Gemeinschaft gehalten oder verwaltet. Diese Kategorie umfasst staatliches Eigentum, ist aber nicht darauf beschränkt

Eigentum von Personen mit menschlicher Beteiligung an einem Privatunternehmen, einschließlich Genossenschaften, Partnerschaften, Kreditgenossenschaften, Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit, Unternehmen im Besitz von Arbeitnehmern und Unternehmen in Familienbesitz, bei denen der zentrale Zweck ein lebensdienlicher ist.

Gemeinnütziges und soziales Unternehmenseigentum

Missionsgesteuerte Kapitalgesellschaft

Organisationen mit einer primären sozialen oder ökologischen Mission, die sich entweder auf Wohltätigkeit (gemeinnützige Organisationen) verlassen oder Geschäftsmethoden anwenden (soziale Unternehmen). Diese Kategorie, die Krankenhäuser, Universitäten und Nichtregierungsorganisationen umfasst, umfasst gemeinnützige Organisationen, Tochtergesellschaften von gemeinnützigen Organisationen und bestimmte Privatunternehmen.

Unternehmen mit einem starken sozialen Zweck, die in konventionellem Besitz sind (oft mit öffentlich gehandelten Anteilen), die Kontrolle jedoch in missionsorientierten Händen behalten. Dazu gehören familiengeführte Unternehmen und die großen stiftungsgeführten Unternehmen, die in Nordeuropa verbreitet sind.

Tabelle 1 Cluster aller Eigentumskonzepte die Regeneration fördern [8]


Es gibt inzwischen eine breite Auswahl von alternativen Eigentumsmodellen, zu denen Genossenschaften, Unternehmen im Besitz von Mitarbeitenden und Unternehmen in kommunalem Besitz gehören. Es haben sich neue sogenannte soziale Unternehmen entwickelt, bei denen es sich um einen neuen Archetyp von Eigentum handelt. Grundsätzlich sind diese Unternehmen gewinnorientiert. Sie sind dabei aber nicht gewinnmaximierend. Damit schaffen sie neben Non-Profit Organisationen und staatlichen Unternehmen eine neue Kategorie im privaten Sektor, die sich am Gemeinwohl beteiligen. Bisher hat sich hier noch keine allgemeingültige Typologie von Unternehmensdesigns herauskristallisiert. Das älteste Konzept regenerativer Unternehmensformen bildet die Genossenschaft, die sich im Besitz der Menschen befindet, die im Unternehmen arbeiten und die praktisch in nahezu allen Ländern der Welt existiert. Zu den neueren Formen zählen Sozialunternehmen, deren primäre Aufgabe es ist, im sozialen Dienst zu stehen. Eine weitere neue Unternehmensform stellt die „Benefit Corporation“ dar, die in Ihren Statuten die Verpflichtung verankert, neben den Aktionären vielen weiteren Interessensgruppen zu dienen. [9] In Deutschland verbreitet sich das Konzept des Verantwortungseigentums immer weiter. Schaut hier gerne mal rein, um mehr zu erfahren.


Governance für regenerative Unternehmen

Corporate Governance ist das System von Regeln, Praktiken und Prozessen, nach denen ein Unternehmen geleitet und kontrolliert wird.[10] Die Struktur der Governance eines Unternehmens bestimmt, wie Entscheidungen getroffen werden. Sie gibt vor wer im Vorstand vertreten ist, wie Kompromisse navigiert werden, wie transparent sich das Unternehmen verhält, welche Informationen und Kennzahlen in den Jahresabschluss aufgenommen werden und welche Anreize genutzt werden, um den Unternehmenszweck zu verfolgen.[11] Bei regenerativen Unternehmen erfolgt die Kontrolle durch diejenigen, die sich auf die gemeinwohlorientierte Mission konzentrieren.[12]


Finanzen für regenerative Unternehmen

Die Beziehung, die ein Unternehmen zu seinen Finanzen pflegt, kann die Fähigkeit zur Umsetzung regenerativer Strategien blockieren oder freisetzen und ist daher ein wichtiger Schlüsselfaktor. Die vorherrschenden finanziellen Parameter prägen die Art und Weise wie Produkte und Dienstleistungen entwickelt bzw. angeboten werden und beeinflussen, ob Investitionen in die Zukunft getätigt werden. Wichtige Parameter sind Margenanforderungen, Dividendenerwartungen, Reinvestitionen und Gewinnverteilungsregeln.[13] Anstelle von klassischen Investitionen, bei denen es um Risikofinanzierung geht, können alternative Ansätze wie Stakeholder-Finanzierung neue Perspektiven schaffen. Dabei wirkt das verfügbare Kapital eher als gemeinsame Unterstützung, anstatt sich zum unangenehmen Partner zu entwickeln.[14] Denn Kapitalausgaben zur Realisierung von regenerativen Ideen sind häufig an die Erwartungen der Eigentümer wie Renditen und Dividenden gekoppelt und verhindern interne Investitionen. Daher ist die Art und Weise wie ein Unternehmen finanziert ist entscheidend für die Auslegung finanzieller Parameter, welche wiederum den Zweck des Unternehmens bestimmen. Zugleich stellt sich bei der Gestaltung der finanziellen Parameter zur Ermöglichung transformativer Ideen auch die Frage nach einer fairen Rendite für die Investoren.[15]


Netzwerke für regenerative Unternehmen

Anstelle von Warennetzwerken, in denen Waren ausschließlich auf der Grundlage des Preises gehandelt werden, werden regenerative Unternehmen von ethischen Netzwerken zusätzlich unterstützt. Diese Netzwerke bieten kollektive Unterstützung für soziale und ökologische Wertvorstellungen.[16] Je nach Zweck wird ein Unternehmen sein Verhältnis zu all diesen Beziehungen und Netzwerken gestalten. Oft sind Netzwerke entscheidend für die Veränderung der Praktiken in einer Branche. Um einen umfassenderen wirtschaftlichen Wandel zu erreichen, können sich Unternehmen an Brancheninitiativen beteiligen und eine fortschrittliche Rolle spielen, um branchenweite Anstrengungen zur Erreichung sozialer und ökologischer Ziele zu ermöglichen. Möglich ist auch eine Umgestaltung eines Branchennetzwerks, indem ein Unternehmen regressive Verbände verlässt, welche z. B. Lobbyarbeit gegen Vorschriften zum Schutz der Menschen- und Arbeitsrechte oder gegen den Umweltschutz vorantreiben. Es empfiehlt sich der Anschluss an ein progressiveres Unternehmensnetzwerk. Das Fair Trade Modell hat z.B. gezeigt, dass langfristige Handelspartnerschaften gefördert werden können, die soziale und ökologische Ziele teilen. Nicht zuletzt erfolgt dies durch die Preisgestaltung, welche diese Ziele ermöglichen.[17]


Zur Entwicklung von regenerativen Organisationen gibt es sicher viele weitere Hebel. Nach reichlicher Recherche bleibt wohl der Konsens, dass eine echte Transformation auf vielen unterschiedlichen Ebenen stattfinden muss. Deshalb lohnt es sich in einem der weiteren Blogbeiträge neben den Strukturelementen auch Kultur- und Führungsaspekte zu diskutieren.


Welches Gestaltungselement wäre für dein Unternehmen leicht zu gehen? Welche Aspekte sind schon umgesetzt? Wir freuen uns auf deine Rückmeldung und den Diskurs!


[1] vgl. Doughnut Economics Action Lab (2022), S. 36 [2] vgl. Doughnut Economics Action Lab (2022), S. 37 [3] vgl. Kelly (2013), S. 61f. [4] vgl. Kelly (2013), S. 61f. [5] vgl. Kelly (2013), S. 67 [6] vgl. Raworth (2021), S. 281f. [7] vgl. Kelly (2013), S. 64f. [8] vgl. Kelly (2013), S. 65 [9] vgl. Kelly (2013), S. 64f. [10] vgl. Chartered Governance Institute UK & Ireland (2022) [11] vgl. Sahan et al. (2022), S. 10 [12] vgl. Kelly (2013), S. 67 [13] vgl. Sahan et al. (2022), S. 10f. [14] vgl. Kelly (2013), S. 67 [15] vgl. Sahan et al. (2022), S. 10f. [16] vgl. Kelly (2013), S. 68 [17] vgl. Sahan et al. (2022), S. 11f.

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