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  • AutorenbildMarcel Rößner

Regeneratives Wirtschaften durch gezielte Entwicklungsräume ermöglichen. - Teil 2

Aktualisiert: 11. Juli

Was war zuerst? Die Henne, oder das Ei? Kultur oder Struktur? Haltung oder Verhalten? Sicher sind das irreführende Fragestellungen. Denn warum sollten wir uns immer nur für eine Seite entscheiden? Kann es nicht ein „sowohl, als auch“ oder ein „und“ sein? Unauflösbare Widersprüche, sogenannte Aporien, kommen in unserer Welt sehr häufig zum Vorschein. Dennoch hat sich in der modernen Organisationsentwicklung das Verständnis etabliert, dass es im ersten Schritt die Rahmenbedingungen der Systeme sind, an denen gearbeitet werden sollte. Also der Struktur und nicht der Kultur. Denn während man Rahmenbedingungen direkt verändern kann, so ist die Haltung einer Person, oder die Kultur einer Organisation nur indirekt beeinflussbar.


Regeneratives Wirtschaften im Sinne regenerativer Räume nach Ken Wilber


„Man kann Kultur nicht entwickeln, man kann nur Rahmenbedingungen setzen, aus denen bestimmte Kulturmerkmale emergieren.“ – Prof. Dr. Peter Kruse

Schaffen wir einen Raum für eine Retrospektive, in der ein Team in einem geschützten Raum über die Art und Weise der Zusammenarbeit sprechen kann, verändert das die Kommunikation der Menschen. Über längere Zeit kann sich so auch Kultur verändern. Die Hypothese ist, dass ein offener Raum für Austausch zu mehr Offenheit in der Kultur beiträgt. Einzelgespräche dahingegen, sogenannte 1:1s, stellen in einem sozialen System einen ganz anderen Rahmen zur Verfügung. Beide Formate schaffen jeweils einen Rahmen, welche jeweils andere Kulturmerkmale hervorrufen. Was daraus in der Kultur entsteht, kann aber immer erst nach dem Setzen der Rahmenbedingungen beschrieben werden.

Vier Quadranten nach Ken Wilber

Wie aber schon im ersten Teil dieser Artikelreihe beschrieben, können Strukturelemente (Außen-Wir) in der Organisation allein keine Transformation auslösen und langfristig nachhalten. Denn mit einer Änderung im Außen verändert sich auch das Innen. Im Zweifel gehen aber diese beiden Perspektiven, das "Außen" und das "Innen" nicht in Resonanz. Um metaphorisch zu sprechen, reicht es nicht allein aus, ein Haus nur zu bauen. Es geht auch um das Leben darin. Nur wie sorge ich dafür, dass auch das Leben in einer gegebenen Struktur lebenswert wird? Eindeutig ist, dass beide Faktoren in Abhängigkeit zueinanderstehen. Der Raum kann die Art und Weise wie wir Leben vorgeben, aber das Leben kann auch Raum verändern. Wenn sich also der Raum und das Leben darin gegenseitig bedingen und verändern, sollten wir wieder Anfangen direkt mit dem „Leben“, also den Menschen in einer Organisation zu arbeiten und das, was sie ausmacht: Ihrer subjektiven Perspektive. Was das genau bedeutet, darauf gehe ich später ein.


“The Inside eats the Outside for breakfast!” a.k.a. “Culture eats strategy for breakfast“


Zunächst bleiben wir aber bei den sichtbaren Strukturelementen. Auch bei den Entwicklungen eines regenerativen Unternehmens bedarf es Rahmenbedingungen die Regeneration fördern und zuträglich sind. Wie auch schon in einem früheren Blogbeitrag erläutert, kommt man bei diesem Thema kaum an den fünf Schlüsselelementen für ein regeneratives Unternehmen von Marjorie Kelly herum: Eigentum, Netzwerke, Purpose, Governance und Finanzen. Es handelt sich allesamt um strukturelle Merkmale, die im Außen-Wir des vier-quadranten Modells von Ken Wilber angesiedelt werden können. Für diesen Artikel fokussiere ich mich für’s Erste auf die Elemente Eigentum, Governance und Finanzen, da sie die Hard Facts eines Unternehmens darstellen und für gewöhnlich Themenbereiche sind, die Personen in der Gesellschaft oder der Geschäftsführung vorbehalten sind.


Jetzt konkret: Welche Haltung haben Sie zu Geld, Eigentum und ihrem persönlichen Entscheidungsspielraum?


Finanzen, Eigentum und Governance werden in der heutigen Welt mechanistisch gehandhabt. Das ist meiner persönlichen Erfahrung nach per se der einfachste und günstigste Weg, um ein Unternehmen zu gründen. Unternehmen werden derzeit häufig in einer GmbH gegründet. Eine GmbH braucht einen oder mehrere Gesellschafter und das Eigentum wird meistens in wenigen Händen gehalten. Von dort werden zentrale Entscheidungen getroffen, die wiederum das Fundament für die gelebte Governance und den Umgang mit den Finanzen legen.

Regeneratives Unternehmertum würde diese drei Elemente grundsätzlich anders auslegen. Es würde Partizipation aller Stakeholder in der Governance fordern, das Eigentum in eine Form bringen, in der es entweder niemandem oder allen gehört. Das finanzielle Management würde sich darauf ausrichten, maximal den eigenen Gemeinwohlbeitrag zu vergrößern. Es würde auch die Frage nach den Erfolgskriterien aufwerfen, die nicht mehr allein durch eine finanzielle Perspektive gedeckt werden können, sondern eine sozio-ökologische Ergänzung benötigen würden.


Was braucht es nun für regeneratives Wirtschaften? Den altbekannten Paradigmenwechsel?

Mächtige Personen haben oft wenig Anreiz, ihre Macht in Frage zu stellen, besonders wenn Erfolg über selbstreferenzielle Kriterien, hauptsächlich interne Kennzahlen und die Zufriedenheit der eigenen Belegschaft definiert wird. Für regenerativen  Erfolg braucht es eine externe Referenz. Dieses Denken erfordert jedoch einen bedeutsamen Schritt im eigenen Bewusstsein und Fühlen. Ohne ein Bewusstsein für das sozio-ökologische Umfeld außerhalb einer Organisation kann eine ökologische Kennzahl niemals gleichziehen, oder sogar wichtiger werden als ihr finanzielles Pendant.

Führungskräfte in Organisationen müssen sich intensiv mit diesen Themen auseinandersetzen, und zwar unter Berücksichtigung aller vier Quadranten von Ken Wilber. Dies bedeutet, dass sowohl die tiefen persönlichen Überzeugungen, Weltbilder und Glaubenssätze (Innen-Ich) als auch Werte, Kultur und Zusammenarbeit (Innen-Wir) sowie Wissen, Verhalten und Fähigkeiten (Außen-Wir) im Kontext der strukturellen Aspekte von Regeneration reflektiert werden.


Eine regenerative Wirtschaft entwickeln durch integrale Arbeit.

Jede Veränderung in einem Quadranten muss durch entsprechende Elemente in den anderen drei Quadranten unterstützt werden. Dies basiert auf der Erkenntnis, dass tiefgreifende und nachhaltige Veränderungen nur dann erfolgreich sind, wenn sie in allen Dimensionen eines Systems verankert sind. Ein Aspekt in einem Quadranten benötigt daher in den drei weiteren Quadranten ein ausgleichendes Element, das ihn stützt. Ohne diese Unterstützung bleibt jede Lösung in einem Quadranten isoliert und kann keine Wirkung im Sinne der Regeneration entfalten. Wie anfangs kurz erwähnt, erarbeite ich die Grundlagen zu den Quadranten im ersten Teil.

Gravitation der Entwicklungsthemen auf dem vierquadranten Modell nach Ken Wilber regenerative Räume

Schwingt die Innen-ich (Haltung) Perspektive, wie in der Abbildung,  noch auf einer tieferen Umlaufbahn, erscheint jede Lösung im Außen-Wir (Struktur) auf einer höheren Umlaufbahn wenig anknüpfungsfähig, da die Entwicklungsstufen nicht kohärent sind. In der Abbildung gehen wir natürlich davon aus, dass eine größere Entfernung des Radius zum Mittelpunkt des Koordinatensystems dazu beiträgt, mehr Raum in den Quadranten verfügbar zu haben. Dies führt wiederum zu der Möglichkeit mehr Kapazität in der inhaltlichen Auseinandersetzung zu nutzen, um die Entwicklungen und Veränderungen zu mehr Regeneration in einer Organisation zu unterstützen.


Um beide Quadranten wie in der Abbildung in eine gleiche Schwingung zu bekommen, geht es um die Frage, welche Bedeutung das regenerative Element im Außen-Wir auch im Innen-Ich hat bzw. welche Konsequenzen dies für die innere Haltung hat. Ist die Ableitung nicht möglich, wäre eine Konsequenz, dass nicht integrierte Quadranten jeden Anflug von Veränderung einkassieren können, wenn diese von Haus aus in keiner Resonanz zur Veränderung im Außen-Wir stehen. Äußerlich bleiben diese Hüllen der Veränderung of stehen, die dann oft für niemanden mehr Bedeutung haben. Stichwort Cargo Kult.


Sinn und Zweck der Übung ist es, geeignete Elemente in allen weiteren drei Quadranten zu identifizieren und in die gleiche Flugbahn des Veränderungselements zu bekommen, um damit ein Gleichgewicht in allen vier Entwicklungsräumen zu erzeugen. Das habe ich mal anhand eines Beispiels beim Thema Eigentum aufgeschlüsselt und für alle vier Quadranten in Entwicklungslinien übersetzt:


Entwicklungslinien von konventioneller und regenerative Wirtschaft Spiral Dynamics

Eine Überschneidung in den Entwicklungslinien ist sicher möglich und sinnvoll. Ich kann mir vorstellen, dass die Linie "Innerer Zugang" auch für weitere Linien unterstützend wirken kann, um eine Entwicklung in regenerative Räume zu führen. Die Hypothese in diesem speziellen Beispiel: Fehlt diese Linie, verlangsamt, erschwert oder verhindert es sogar eine Entwicklung in den anderen Quadranten, bzw. das ganze Vorhaben. Welche weiteren Entwicklungslinien wären nützlich?


Veränderung und regenerative Transformation kann zunächst nur in einer Person selbst beginnen.

 

Um die Brücke zu den Elementen von Marjorie Kelly zu schlagen, ist es entscheidend mit den Menschen direkt zu arbeiten. Also am besten mit Eigentümern oder Personen in der Geschäftsführung, um herauszufinden wie sie es zu den regenerativen Elementen im Außen halten. Nur sie können durch ihre eigene Haltung eine regenerative Zukunft in den Statuten eines Unternehmens festlegen, indem sie den Anfang im Innen-Ich machen. Hier hat es den größten Hebel, was das Außen angeht!

Aber natürlich ist diese Arbeit nicht nur den „Mächtigen“ vorbehalten. Der Weg eine Organisation in Richtung regenerativen Wirtschaftens zu manövrieren, beginnt immer bei jeder einzelnen Person selbst. Die eigene Haltung und Beziehung zum erarbeiteten Status Quo zu hinterfragen und gegenüber den regenerativen Konzepten wirken zu lassen, kann mit folgenden Fragen beginnen:


  • Welche Verbindung habe ich zu Geld und Eigentum?

  • Braucht es immer mich, um zu entscheiden?

  • Möchte ich mich durch eine Governance Struktur selbst überprüfen lassen?

  • Ist mir meine eigene Regeneration und Gesundheit wichtig?

  • Wie liebevoll darf ich im Umfeld meines Unternehmens zu mir selbst sein?

  • Wie sehr kann ich meine Verbundenheit zum Planeten in meinem Unternehmen leben?

  • Viele weitere Fragen sind möglich …


Meine abschließende These: Sind die Strukturthemen im Innen-Ich der Menschen in den Schlüsselpositionen eines Unternehmens erkannt und neu interpretiert, ist eine Transformation zu einer regenerativen Wirtschaftsweise sehr gut vorstellbar. Wichtig bleibt bei einer „regenerativen Transformation“, wie bei jeder anderen Transformation, nach der Innen-Ich Bewusstwerdung auch die weiteren Quadranten zu integrieren und in Einklang mit den Entwicklungsthemen zu bekommen. Von welchem Quadranten der initiale Impuls kommt, um eine Veränderung anzustoßen ist in meinen Augen egal, sofern wir im Kopf behalten, mittel- und langfristig alle vier Quadranten zu integrieren.


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